Schwarz-Weiß-Fotografie ist out! (Oder nicht?)

Welteituhr in Schwarz-Weiß fotografiert

Die Schwarz-Weiß-Fotografie ist tot. So hatten jedenfalls Kodak und Agfa die Markteinführung des Farbfilms in den 30er Jahren beworben.

Tatsächlich hat sich rückblickend die Farbe auf Fotos bei der Allgemeinheit durchgesetzt. Bis auf wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die Leica M Monochrom, enthalten die Dateien aller Kameras Farbinformationen.

Durch die Farbe im Bild haben wir als Fotografen eine weitere Gestaltungsmöglichkeit. Farbkontraste, Signalfarben und jede Art von Farbstimmung können die Bildaussage verstärken. Das Bild wirkt dadurch lebendig und dynamisch.

Warum sollte man dann freiwillig auf diese Möglichkeiten verzichten?

Viele Fotografen haben sich von der Farbe abgewandt und vollends dieser besonderen Art der Fotografie verschrieben.

Aleksandra von fotografya.de hat der Schwarz-Weiß-Fotografie sogar eine eigene Blogparade mit dem Titel „Der August in Schwarz-Weiß“ gewidmet. Da ich selbst oft in Schwarz-Weiß fotografiere, bin ich mit diesem Beitrag natürlich gerne ein Teil davon.

Ich möchte euch erzählen, warum sich diese Art der Fotografie bei einigen so abgenutzt hat. Andererseits möchte ich euch aber auch fünf Gründe dafür näher bringen, warum das gute alte Schwarz-Weiß-Foto noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

Ist Schwarz-Weiß-Fotografie out?

Nur in London noch beliebt: Colour Key

Colour Key: Die bucklige Stiefschwester der Schwarz-Weiß-Fotografie © Tim Beyenbach

Schwarz-Weiß-Fotografie birgt ein großes Problem. Viele Fotografen nutzen monochrome Aufnahmen nur dazu, Fehler bei der Aufnahme zu kaschieren.

Schwarz-Weiß ist schick und quasi alles sieht so auf den ersten Blick besonders aus. Die Aufnahmen umweht der Duft der Kreativität, der Kunst. Völlig egal ob das Bild eine Aussage hat, einer sinnvollen Bildgestaltung unterworfen oder einfach nur dahingeknipst wurde.

Um es ganz klar zu sagen, ein schlechtes Bild wird nicht dadurch gut, indem ihr einfach auf die Farbe verzichtet. Genau hier liegt auch das Problem. Wir haben genug langweilige Schwarz-Weiß-Aufnahmen gesehen. Das schadet dem Ruf der gesamten Schwarz-Weiß-Fotografie ungemein.

Ich bin auch der Meinung, dass sich aus dem selben Grund Colour Key-Aufnahmen so extrem abgenutzt haben. Jeder hat diesen Effekt in allen erdenklichen Varianten ausprobiert, viel zu oft nur um des Effekts willen. Mittlerweile sind derartige Aufnahmen unter Fotografen schon fast verpönt.

1. Schwarz-Weiß zwingt dich neu zu sehen

Die fehlende Farbe lenkt den Blick auf die Katze

Die Katze würde durch den farbigen Hintergrund untergehen. © Tim Beyenbach

Wenn aus einem schlechten farbigen Bild kein gutes Schwarz-Weißes wird, so sollte doch zumindest aus jedem guten Farbfoto auch eine gute Schwarz-Weiß-Aufnahme zu machen sein. Oder?

Ganz so einfach ist es nicht. Monochrom zu fotografieren ist eine eigene Art der Fotografie. Eine ganz eigene Kunstform, die ihre eigenen Möglichkeiten und Regeln in sich birgt. Alle Fotos, die ich hier in diesem Beitrag zeige, haben beispielsweise für mich nicht in Farbe funktioniert.

Um ein Gespür dafür zu entwickeln, was in s/w funktioniert und was nicht, habe ich einen Tipp für euch: Stellt eure Kamera einfach mal eine Woche auf Schwarz-Weiß um. Meistens ist die Einstellung im Kreativ-Modus zu finden.

Solange ihr im Raw-Format fotografiert, bleiben eure Bilder farbig auf der Speicherkarte. Euch geht also nichts verloren. Im Display der Kamera werden sie aber monochrom angezeigt.

Nach einer Woche werdet ihr einen ganz anderen Blick für gute Motive entwickelt haben. Probiert es aus.

2. Schwarz-Weiß zu jeder Tageszeit

„Zwischen 12 und 3 hat der Fotograf frei.“ Diesen beliebten Spruch ruft man sich besonders gerne im Urlaub, wenn sich die Sonne ganz besonders unerbittlich zeigt, ins Gedächtnis. Zu Recht, denn durch die im Zenit stehende Sonne verunstalten die harten Schatten jedes Bild.

Jedes Bild?

Nein, gerade die Schwarz-Weiß-Fotografie lebt von einem hohen Kontrast. Wenn die Farbe aus dem Bild gewichen ist, bleiben nur noch die Graustufen übrig. Harte Schatten und kräftige Kontraste sind da perfekt geeignet, den Blick des Betrachters zu lenken.

Seid ihr also das nächste Mal im Urlaub und wollt auch in der Mittagszeit nicht aufs Fotografieren verzichten, versucht doch die Kontraste in einem gelungenen s/w-Foto einzufangen.

3. Schwarz-Weiß bringt Struktur

Statue Thailand

Erst in Schwarz-Weiß wirken die feinen Strukturen der Statue. © Tim Beyenbach

Wenn eine Frau in einem knallroten Kleid an euch vorbei geht, erinnert ihr euch mit Sicherheit auch im Nachhinein an die Farbe. Aber war das Kleid aus Baumwolle, Chiffon oder vielleicht Seide?

An diesem kleinen Beispiel seht ihr, dass Farbe oft die Form überdeckt bzw. zumindest mehr Eindruck hinterlässt.

Das ist auch der Grund, aus dem sich so viele Schwarz-Weiß-Fotos mit Strukturen auseinandersetzen. Wir lassen den Texturen auf dem Foto mehr Beachtung zukommen. Die Form mit all ihren Details steht für eine gelungene s/w-Aufnahme im Vordergrund.

4. Schwarz-Weiß und die Menschen

Feuershow beim Festival of Lights

Wenn es dunkel wird, bergen einzelne Lichter viele Möglichkeiten für Schwarz-Weiß-Fotos. © Tim Beyenbach

Schwarz-Weiß-Fotografie und Menschen – das passt einfach. Menschen wirken an sich schon faszinierend auf Fotos. Sie ziehen den Blick magisch an. Ohne Farbe wird dieser Eindruck aber noch verstärkt.

 

Wenn du Menschen in Farbe fotografierst, dann fotografierst du ihre Kleidung. Wenn du sie in Schwarz Weiß fotografierst, dann fotografierst du ihre Seelen.

Ted Grant

 

So wie Ted Grant schwören viele Fotografen darauf, dass wirklich gute Portraits Schwarz-Weiß zu sein haben.

Ich würde das zwar nicht so absolut sehen. Den Grundgedanken dahinter kann ich jedoch mehr als bestätigen. Fotos von Menschen verursachen in Schwarz-Weiß einfach eine stärkere emotionale Reaktion als in Farbe.

Warum das so ist, kann ich euch auch nicht erklären. Aber versucht es einfach mal selbst und macht euch euer eigenes Bild.

5. Schwarz-Weiß als die Natur des Fotografen

Mitzieher in Schwarz-Weiß

Fast alles lässt sich auch ohne Farbe in Szene setzen. © Tim Beyenbach

Zum Abschluss möchte ich euch eine kleine Begebenheit von einem Fotoworkshop erzählen, den ich schon vor längerer Zeit hier in Berlin besucht hatte.

Ich weiß gar nicht mehr, ob der Workshop unter einem speziellen Motto stand. Jedenfalls gingen wir Teilnehmer die Friedrichstraße entlang und hatten einige fotografische Aufgaben zu erfüllen: Ein Foto sollte Bewegung zeigen, eins Stillstand, eins sollte abstrakt sein, ein anderes eine Detailaufnahme zeigen und das letzte Foto hatte ein Portrait zum Ziel.

Jeder von uns sollte am Ende fünf Bilder auf der Speicherkarte haben und diese Fotos haben wir uns dann gemeinsam in einem Café angesehen.

Bei meinen Bildern angekommen, sagte der Kursleiter erst einmal nichts. Nach einer kurzen Weile fragte er, ob uns an den Bildern etwas auffalle. Da er in ziemlich ratlose Gesichter blickte, beantwortete er seine Frage gleich selbst: Die Bilder sind zwar in Farbe, aber er fotografiert Schwarz-Weiß.

Sogleich machte er sich daran, meine Bilder am PC in Schwarz-Weiß zu konvertieren. Zum ersten Mal sah ich ein Bild von mir monochrom. Ehrlich gesagt habe ich davor nie in Schwarz-Weiß fotografiert.

Aber als ich meine Bilder betrachtete, wurde mir klar, dass die Farbe in meinen Fotos überflüssig war. Jedes einzelne Bild war ohne Farbe besser. Er hatte völlig Recht. Ich hatte Schwarz-Weiß fotografiert.

Seit diesem Tag habe ich für mich die Schwarz-Weiß-Fotografie entdeckt. Natürlich mache ich immer noch genauso gerne Farbbilder. Aber ich habe nun auch immer eine farblose Variante des Bildes im Hinterkopf.

Vielen ist mit Sicherheit gar nicht bewusst, dass sie s/w fotografieren.

Überprüft euch einmal selbst und schaut euch eure letzten Aufnahmen ganz genau an. Würden die Bilder auch ohne Farbe wirken? Gewinnen sie dadurch sogar?

Vielleicht gehört ihr auch zu den Fotografen, die von sich aus ganz natürlich s/w fotografieren.

Schwarz Weiß funktioniert überall

© Tim Beyenbach

 

Ich hoffe, ich konnte bei euch eine Lanze für die Schwarz-Weiß-Fotografie brechen. Denn sein wir ehrlich, Schwarz-Weiß schränkt uns nicht ein. Wir stehen nur vor einer neuen, anderen Herausforderung. Vom Mitzieher wie im Bild oben bis zum Little Planet lässt sich alles auch ohne Farbe realisieren.

Ich weiß, der Titel war etwas reißerisch. Aber vielleicht konnte ich so auch den ein oder anderen Skeptiker auf meinen Blog locken, der es jetzt einfach mal probiert.

Wie sind eure Erfahrungen mit der Schwarz-Weiß-Fotografie? Ich würde mich freuen, von euren Erlebnissen in den Kommentaren zu lesen.

13 Comments

  1. Hallo Tim,
    das sind alles wundervolle Fotos und eine schöne Geschichte, wie du zur Schwarz-Weiß-Fotografie gekommen bist. Ein toller Beitrag zur Schwarz-Weiß-Fotografie. Ich freue mich, dass du bei der Blogparade mitgemacht hast.
    Liebe Grüße
    Aleksandra

    Reply
  2. Hallo Aleksandra,
    vielen Dank. Deine Blogparade hatte aber auch ein tolles Thema.
    Ich freue mich, ein Teil deiner Blogparade sein zu dürfen.
    Allzeit gut Licht,
    Tim

    Reply
  3. Sehe ich ähnlich. Schwarz-Weiß ist super! Für bestimmte Zwecke jedenfalls und wenn man es überlegt macht. Reduziert ein Bild einfach auf das Wesentliche.

    Andererseits wird es auch viel zu oft eingesetzt um normale Fotos einfach irgendwie „deeper“ erscheinen zu lassen. Es gab mal eine satirische Bilderreihe, welche einige Aktbilder jeweils zwei mal gezeigt hat, jeweils einmal in schwarz-weiß und einmal in Farbe, das eine war dann „Kunst“, das andere „Porno“ 😀

    Reply
  4. Hallo Finn,
    da kann ich dir nur absolut Recht geben. Überlegter Einsatz von Schwarz-Weiß hilft dem Bild enorm.
    Bei Aktbildern muss ich gestehen, dass ich Farbfotos da oft tatsächlich „zu viel“ finde. Auch wenn es beim gleichen Bild natürlich Quatsch ist.
    Allzeit gut Licht,
    Tim

    Reply
  5. auch ein wirklich toller beitrag zur parade, dem ich wirklich in vielen punkten zustimmen kann. mit der struktur, natürlich. und das zitat über kleider (farben) und seele (s/w) finde ich toll, das muss ich mir merken.
    allerdings finde ich es immer wieder schade, dass colorkey bilder so verpönt sind. mir gefallen sie bis heute und es ist mir eigentlich acuh egal, dass sie so einen schlechten ruf haben. ich finde einfach, dass es dennoch ein großartiger effekt ist.
    dass s/w kein „heilmittel“ ist habe ich ja sowieso auch festgestellt. schade drum, weil es den effekt total abnützt. s/w fotografie ist eine völlig andere art der fotografie, die gleichzeitig einschränkt und viele mögilchkeiten bietet. ich finde, dass es ein wunderbares stilmittel ist, das – gekonnt eingesetzt – die fotografie als kunst ungemein bereichert.

    Reply
  6. Schön, dass du den Weg zu mir gefunden hast. Freut mich sehr, dass dir mein Beitag gefällt.
    Manchmal finde ich die Sache mit Colour-Key-Fotos auch schade. Aber sein wir mal ehrlich, es gibt solche Unmengen von schlechten Fotos mit diesem Effekt.
    Das hält mich aber nicht davon ab, selbst auch ab und zu noch wie im Artikel ein solches Bild zu schießen. Gerade London, quasi die heimliche Heimat des Colour Keys, bot sich ganz klassisch dafür an.
    Allzeit gut Licht,
    Tim

    Reply
  7. Hey,
    du hast recht, ich finde schwarz-weiße Bilder so schön, geht natürlich nicht bei jedem Bild. Entdecke es aber mehr und mehr für mich.
    Allerdings fotografiere ich immer noch lieber in Farbe 🙂

    xoxo

    Reply
  8. Wirklich toll die Geschichte über die schwarz-weiß Fotografie zusammen mit den Fotos. Ich habe deinen Blog gerade entdeckt und werde in Zukunft öfters mal vorbeischauen 🙂

    Reply
    • Hallo Liam
      freut mich sehr, dass du dich auf meinen Blog verirrt hast. Noch mehr natürlich, dass du vorhast, öfter vorbei zu schauen. 😉
      Liebe Grüße,
      Tim

      Reply
  9. Hallo Tim,
    toller Bericht und gute Ansätze. Ich muss Paleica mal zustimmen, das Zitat finde ich super mit der Seele.
    Und ja, du hast mich mal wieder auf die Idee zu schwarz weiß gebracht. Hatte ich inzwischen weiter verdrängt auf der Suche nach meinem Stil.
    Neben Color Key ist auch HDR durch die Übertreibungen ins schlechte Licht gerückt. Aber es ist wie mit allem im Leben: Maßvoll ist es ein Genuss.
    Viele Grüße
    Marcel

    Reply
    • Hallo Marcel,
      ich muss dir absolut Recht geben. HDR hat das gleiche Schicksal ereilt wie Colour Key Fotos.
      Schade eigentlich, es gibt so viele eindrucksvolle HDR-Aufnahmen. Aber auf jedes erstklassige Foto aus diesem Bereich kommen mindestens 1.000 Schlechte.
      Naja, auf jeden Fall schön, dass du auch wieder Schwarz-Weiß für dich entdecken magst. Ich bin schon auf deine Ergebnisse gespannt.
      Viele Grüße,
      Tim

      Reply

Hinterlasse einen Kommentar.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.