Berliner Fotomarathon: Eines langen Tages Reise

Berliner Fotomarathon 2015

Ihr habt euch sicher gefragt, wie es mir auf dem diesjährigen Berliner Fotomarathon ergangen ist.

Nun, ich kann euch sagen, es war wie immer eine große Herausforderung. Nach zwölf Stunden Hitze, Fotografieren und dem Zurücklegen eines gefühlten Halbmarathons war ich heilfroh, als ich meine Speicherkarte mit den Ergebnissen an das Team vom Fotomarathon übergeben konnte. Aber der Reihe nach…

Vorbereitungen

Dieses Jahr startete ich mit einem Plan. Eigentlich war es der gleiche Plan wie im vorigen Jahr.

Ich wollte eine Serie fotografieren, auf denen das Wort Fotomarathon erkennbar ist. Das Wort Fotomarathon besteht aus zwölf Buchstaben und was soll ich sagen – zwölf Bilder passen dafür natürlich perfekt. Also sollte jeweils genau ein Buchstabe auf jedes Bild. Wenn nun die Serie als langer Streifen ausbelichtet wird, entsteht so das Wort F-O-T-O-M-A-R-A-T-H-O-N.

Letztes Jahr hatte ich dafür probiert, Motive zu finden, die insgesamt nach einem Buchstaben aussehen, etwa so:

Buchstaben fotografieren

Der Versuch eines „A“s zum Thema: „Spannend, aber alltäglich“ © Tim Beyenbach

Insgesamt war ich zwar ganz zufrieden mit meiner Serie, im Nachhinein verpuffte die Idee auf den relativ kleinen Fotos bei der Ausstellung. Dazu hatte ich einige Buchstaben einfach nicht markant genug getroffen. Außerdem empfand ich es als äußerst schwierig ein Motiv zu finden, dass sowohl wie ein Buchstabe (nicht irgendeiner, sondern der durch das Wort vorgegebene) aussieht als auch das Thema trifft.

Die Grundidee faszinierte mich allerdings immer noch. Also stellte ich mir die Frage, wie ich die Buchstaben deutlich erkennbar auf die Fotos bringe. Klar, ich hätte einfach je einen Buchstaben ins Bild halten können, aber das war mir etwas zu platt.

Nur zwei, drei Tage vor dem Fotomarathon – ich hatte meinen Plan schon fast verworfen – erinnerte ich mich an einen kleinen optischen Trick. Ich brauchte überhaupt keine Buchstaben oder Motive, die wie Buchstaben aussahen. Ich ließ einfach meine Kamera aus jedem beliebigen Bild den Buchstaben zaubern, den ich gerade brauchte.

Nun ist eine Kamera nicht gerade dafür bekannt, besonders gut zaubern zu können. Aber es handelt sich hier auch eher um einen kleinen Taschenspielertrick. Alles, was ich dazu benötigte, war eine Schablone und ein wenig Licht.

Bei einigen von euch wird sicher bei der Schablone schon was klingeln, für alle anderen habe ich ein paar Bilder gemacht, um den Effekt zu veranschaulichen:

Bokehveränderung

Eine einfache Lichterkette vor einem dunklen Hintergrund.

Wie ich schon sagte, wir brauchen dafür Licht. Genauer gesagt, Spitzlichter. Lampen, Leuchten, reflektierende Flächen oder wie in diesem Fall eine einfache Lichterkette – alles funktioniert. Hauptsache ihr bekommt ein gutes Bokeh, wenn ihr die Blende möglichst weit aufreißt:

1507_Fotomarathon 2015 Bokeh_0014

Offene Blende und auf den hier nicht vorhandenen Vordergrund fokussieren – schon habt ihr ein solches Bokeh.

Das gleiche Bild, aber mit Blende 1.4 statt 4.0. Außerdem habe ich per manuellem Fokussieren den Fokus in den Vordergrund, weg von der Lichterkette, gesetzt. Das war der erste Teil des Tricks, der zweite Teil beinhaltet die schon angekündigte Schablone und die kann zum Beispiel so aussehen:

Fotomarathon 2015

Mit dieser Schablone verändert sich das Bokeh von ganz allein.

Mit dieser Schablone vor dem Objektiv verändert sich das Aussehen der Lichter im Bokeh. Die Kreise mutieren so zu der Form, die aus der Schablone geschnitten wurde. Wie dieses Bild mit Schablone aussieht, will ich euch natürlich nicht vorenthalten:

Vorbereitung Fotomarathon

Abrakadabra, aus den Kreisen sind „F“s geworden.

Faszinierend, oder? So ist also meine Idee entstanden. Ich fertigte am Tag vor dem Fotomarathon noch die entsprechenden Schablonen an und damit ausgerüstet sollte es dann losgehen.

Der Start

Um 11 Uhr sollte es losgehen, also belud ich meinen Kamerarucksack mit Akkus, Schablonen, Lichterkette, Objektiven und natürlich meiner Kamera. Ein paar Süßigkeiten und Getränke durften sich auch mit auf den Weg machen.

Berliner Fotomarathon

Nichts vergessen? © Tim Beyenbach

So bepackt setzte ich mich in Richtung Klunkerkranich in Bewegung, dem Startpunkt des Berliner Fotomarathons.

Der Klunkerkranich befindet sich im Herzen Neuköllns auf dem Dach der dortigen Passagen und bietet einen spektakulären Ausblick über Berlin. Schaut einfach selbst dort vorbei, wenn ihr in der Gegend seid. Der Ausblick lohnt sich.

Ich hatte leider gar nicht viel Zeit, um den Ausblick zu genießen. Hatte ich doch vielmehr mit den Fahrstühlen der Arcaden zu kämpfen, die einfach nicht auf so einen Ansturm vorbereitet waren. Aber schließlich erreichte ich pünktlich den Klunkerkranich und war auch beim Startfoto dabei. Dabei handelte es sich um ein 360-Grad-Panorama. Wer sich von euch das Bild anschauen mag, klickt einfach hier: Startpanorama.

Anschließend wurde uns der erste Themenzettel ausgehändigt. Das Oberthema lautete „Eines langen Tages Reise“. Die ersten vier Themen standen gleich darunter:

1. Der Sonne entgegen

2. Entdecken

3. Übergepäck

4. Andere Länder, andere Sitten

Bei der Hitze musste ich erstmal nach Hause. Noch während der Fahrt machte ich mir über die Themen Gedanken.

Die ersten vier Stunden

Wer von euch meine Tweets zum Fotomarathon verfolgt hat, hat sicher auch den Kranich gesehen, den ich anlässlich des Starts im Klunkerkranich gefaltet hatte (Wer die Tweets nicht gesehen hat, sollte unbedingt dem Twitteraccount von timfotografiert.de folgen.). Neben der Fotografie ist auch Origami ein kleines Hobby von mir geworden. Da ich für die Umsetzung meiner Idee mit den Buchstaben immer auch ein kleines Objekt im Vordergrund brauchte, entschied ich mich, die einzelnen Themen immer mit einer Papierfigur darzustellen.

Für die ersten drei Themen kamen mir auch sofort Bildideen. Nur die Umsetzung gestaltete sich deutlicher schwieriger als gedacht.

Was ich nicht bedacht hatte, war das Tageslicht. Ich hatte die Bokehveränderung nur in der Wohnung ausprobiert, aber nie draußen im Freien. Die Lichterkette war einfach zu schwach, um einen vernünftigen Effekt aufs Bild zu bringen. Mit einigen helfenden Händen (noch einmal vielen Dank dafür) und einer Taschenlampe gelang dann nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch das erste Bild:

Startfoto mit Startnummer

Der Sonne entgegen © Tim Beyenbach

Das Bild musste natürlich nicht nur das Thema bedienen, sondern auch meine Startnummer 287 beinhalten. Deshalb entschied ich mich für eine nicht allzu filigrane Schwalbe, die außerdem nicht viel Zeit beim Falten benötigte.

Für das zweite Foto musste eine Giraffe ihren Hals verdrehen, um das Bokeh-„O“ meiner Handytaschenlampe zu entdecken…

Fotomarathon Berlin

Entdecken © Tim Beyenbach

Nachdem das alles unsagbar langsam von sich ging und die ersten Versuche für das dritte Bild auch noch scheiterten, wurde langsam aber sicher die Zeit knapp. Also ging es erstmal zum ersten Treffpunkt, dem Industriesalon Schöneweide. Dort angekommen traf man einige bekannte Gesichter und mit den Themen 5-8 sowie einem auf dem Weg gefalteten Elefanten im Gepäck ging es wieder zurück an die Arbeit zum Thema 3…

Der zweite Block

Mit einem Koffer, einer Kofferwaage und dem eben angesprochenen Elefanten entstand schließlich das dritte Bild. Richtig glücklich bin ich damit nicht, aber irgendwann sitzt einem die Zeit im Nacken, dass man sich mit dem Ergebnis zufrieden gibt…

Fotomarathon Berlin 2015

Übergepäck © Tim Beyenbach

Das vierte Thema war dann relativ schnell erledigt, mittlerweile waren meine Helfer und ich schon etwas eingespielter. So musste der Kolibri nur noch mit seinem langen Schnabel in die Blüte gesteckt werden:

Erfahrungsbericht

Andere Länder, andere Sitten © Tim Beyenbach

Mit den nächsten vier Themen verwandelte sich meine Zeitnot in ein kleines Zeitpolster. Sie lauteten:

5. Grenzen überschreiten

6. Touristenklasse

7. Der perfekte Ort

8. Heimweh

Das ein Globus zur Hand war, den ich eigentlich schon für das vierte Thema nutzen wollte, vereinfachte die Sache zusätzlich.

Erfahrungsbericht

Grenzen überschreiten © Tim Beyenbach

Nachdem die Elefanten quasi wortwörtlich einige Grenzen überquert hatten, musste noch das Auto meiner Mutter herhalten, damit dieser sonst eher langsame Passagier in der Touristenklasse mitreisen durfte:

Bild 6: Touristenklasse

Touristenklasse © Tim Beyenbach

Der anschließend zu fotografierende perfekte Ort wurde fast zu einem verhängnisvollen Ort, jedenfalls für mein Handy. Das musste nämlich wieder als Lichtquelle dienen und hing dabei so nah am Wasser, dass ich es schon fast im Selbigen gesehen hatte. Zum Glück passieren Unfälle am perfekten Ort einfach nicht. Einem Ort, an dem sich sogar kurz ein Einhorn blicken ließ:

Origami Einhorn

Der perfekte Ort © Tim Beyenbach

Mittlerweile lag ich gut in der Zeit. Für das letzte Bild im zweiten Block hatte ich sogar soviel Luft, dass ich noch einen etwas aufwendigeren Origami-Pinguin aus zweifarbigem Papier falten konnte. Der empfand auch relativ schnell Heimweh bei den immer noch brütend heißen Temperaturen. Übrigens eines meiner Lieblingsbilder der Serie:

Erfahrungsbericht Fotomarathon Berlin 2015

Heimweh © Tim Beyenbach

Schlussspurt

Die nächsten Themen gab es dann ganz in der Nähe vom Schloss Britz. Eine Hochzeitsgesellschaft, die daneben feierte, schien etwas überrascht, als dutzende Fotografen auf einmal an ihnen vorbei marschierten.

Mit dem letzten Stempel auf der Startnummer (Bei jeder Station wurde die Startnummer gestempelt. Ohne die Stempel würde die Disqualifikation drohen.) ging es nun Richtung Alexanderplatz, wo ich die letzten vier Themen fotografieren wollte:

9. Urlaubsflirt

10. Wilder Westen

11. Kulturschock

12. Weltenbummler

Mittlerweile war es zu spät, um sich noch von der Origami-Idee zu verabschieden. Also mussten sich Katz und Maus am Strand (auch bekannt als Sandkasten…) einen Liegestuhl teilen. Bei einem Urlaubsflirt kommen sich halt auch gänzlich Fremde manchmal näher.

Urlaubsflirt

Urlaubsflirt © Tim Beyenbach

Einen alten Cowboyhut hatte ich auch noch Zuhause rumliegen. Der bekam im nächsten Bild seinen großen Auftritt.

Fotomarathon Berlin 2015

Wilder Westen © Tim Beyenbach

Ein mystisches Fabelwesen auf der einen Seite und der Computer als Sinnbild der modernen, aufgeklärten Welt auf der Anderen – größer hätte der Kulturschock für den kleinen Drachen wohl kaum ausfallen können.

Erfahrungsbericht Fotomarathon Berlin 2015

Kulturschock © Tim Beyenbach

Ich bin manchmal selbst überrascht, was beim Origami mit einem einfachen Stück Papier alles möglich ist. Geduldig und lange genug gefalten (denn Schere und Kleber sind dabei absolut tabu), schon verwandelt sich ein kleines, quadratisches Stück Packpapier innerhalb kürzester Zeit beispielsweise in einen Drachen.

Deshalb möchte ich auch die Gelegenheit nutzen, um Jo Nakashima zu erwähnen, vom dem viele der hier von mir verwendeten Modelle stammen. Wer sich von euch einmal selbst daran probieren möchte, dem sei sein Youtube-Channel wärmstens empfohlen.

Auch das letzte Modell ist durch ihn inspiriert. So konnte ich einen Weltenbummler fotografieren, der vermutlich bereits unzählige Welten bereist hat. Und was wäre ein besseres Hintergrundmotiv für so einen Weltenwandler, als das Modell unseres Sonnensystems? Genau das befindet sich nämlich auf der Weltzeituhr.

Yoda vor Weltzeituhr

Weltenbummler © Tim Beyenbach

Der Wind hatte zum Abend hin ziemlich aufgefrischt. Da war es gar nicht mehr so einfach, den Papier-Yoda noch richtig zu positionieren. Aber dank meiner Freundin, ohne deren helfende Hände ich vermutlich schon einige Stunden vorher entnervt aufgegeben hätte, gelang schließlich auch dieses letzte Bild.

Jetzt mussten die Bilder nur noch zur Loftus Hall in Kreuzberg, wo das Team vom Fotomarathon bereits wartete und meine Serie in Empfang nahm.

Geschafft, und nun?

So ging dann auch eines langen Tages Reise zu Ende. Es war wie immer eine große Herausforderung und ich bin sehr froh, mitgemacht zu haben. Auch wenn es sehr anstrengend und manchmal ziemlich hektisch wurde, entschädigt rückblickend das Ergebnis und ein ganz besonderer Tag für alle Strapazen.

Ein ganz großes Kompliment geht deshalb auch an das Team vom Fotomarathon. Durch ihren großen (und zudem ehrenamtlichen) Einsatz wurde der Tag zu einem echten Event.

Jetzt steht die große Ausstellung aller Teilnehmer am 25./26.07.2015 im Magazin in der Heeresbäckerei (Köpenickerstraße 16/17, 10969 Berlin) an. Dort werden alle Serien, wirklich jede, zu sehen sein. Meine Bilder könnt ihr euch dort natürlich auch anschauen. Ich bin schon gespannt, was den anderen Teilnehmern zu den einzelnen Themen eingefallen ist.

Ausstellung Berliner Fotomarathon 2015

So sieht es bei der Ausstellung im Magazin der Heeresbäckerei aus. © Tim Beyenbach

Ich hoffe, ihr konntet ein wenig an meinen Erfahrungen des Berliner Fotomarathons 2015 teilhaben.

Ward ihr vielleicht auch dabei? Welche Erfahrungen habt ihr beim Fotomarathon gemacht? Oder möchtet ihr nächstes Jahr vielleicht zum ersten Mal selbst teilnehmen? Hinterlasst mir eure Gedanken einfach in den Kommentaren. Ich würde mich freuen.

In diesem Sinne, allzeit gut Licht.

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